Buch · Rezension

Rezension: Die Todgeweihte

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  • Titel: Die Todgeweihte
  • Autor: Titus Müller
  • Ausgabe: Taschenbuch, 378 Seiten (8,95 €)
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (2. Auflage 2006)
  • Empfehlung:
    empf_1_stern
Eine kurze Warnung vorab:

Das hier wird eine verärgerte „ich mach mir Luft“ Rezension, die leider auch einige Spoiler enthalten wird. Bitte seid gewarnt und lest sie nur, wenn euch das nicht stört.

Klappentext:

Eine dramatische Liebe in dunkler Zeit.
Basel im Jahr 1348: Auf einen Schlag verliert die Jüdin Saphira ihren Beruf, ihre Familie, ihre Heimat. — Ein üppiger historischer Roman nach einer wahren Begebenheit: Packend und berührend erzählt Titus Müller von großer Liebe, wahrer Freundschaft, religiöser Intoleranz und verheerenden Schicksalsschlägen.

Rezension:

Ich glaube, dass hier meine persönlichen Vorlieben und eben auch Abneigungen eine große Rolle bei meiner Bewertung spielen. Denn es ist nun einmal so, dass ich Romane in erster Linie der Charaktere wegen lese. Es fasziniert mich, wie sie leben und welche Entscheidungen sie treffen, welche „Fehler“ sie haben und wie sie an Aufgaben wachsen. Sie sollen also, besonders anfangs aber auch später, keineswegs perfekt sein. Sie sollen aber auch nicht so schrecklich naiv, dumm und lernunwillig sein, dass ich den Glauben an die Menschheit verliere. Saphira, Christian und zu einem gewissen Grad auch Tam, waren in meinen Augen aber leider genau das.

Dabei hat mich die Hintergrundgeschichte des Buches wirklich interessiert: Wie machthungrige Personen Situationen geschickt einfädeln, sich Vorurteile zu Nutze machen und leichtgläubige Menschen manipulieren, um Schritt für Schritt ihre selbstsüchtigen Ziele zu erreichen. Leider waren die Hauptcharaktere und insbesondere dieses gekünstelte Liebesdreieck im Vordergrund kaum zu ertragen.

Anfangs ist Saphira angeblich schrecklich verliebt in Tam und macht sich viele, unüberwindbar große Sorgen, weil sie Jüdin und er Christ ist. Eine Heirat ist also, aus religiösen Gründen und weil die Eltern ohnehin dagegen wären, ausgeschlossen. Vorehelichen Sex wünscht sie sich zwar insgeheim, schließt ihn aber auch aus, weil es ja eine Sünde wäre. Sie hat sich also gerade dazu durchgerungen, die Sache zu beenden, als ihr Tams bester Freund Christian, den sie nie zuvor getroffen hat, einen Brief von Tam überbringt. Sie unterhalten sich fünf Minuten lang, Christian tröstet sie ein wenig und sofort wirft sie sich ihm an den Hals, lässt sich von ihm küssen und schläft dann plötzlich mit ihm. Und er mit ihr, der Frau in die sein bester Freund unsterblich verliebt ist und die er geschworen hat nicht anzurühren, die er dann aber küsst und umarmt, denn

Ihre Unerfahrenheit reitzte ihn

ja so sehr. Dafür wirft man natürlich eine jahrelange Freundschaft sofort über Bord und mit dazu alles Vertrauen und so weiter, das man aufgebaut hat. Und die eigene Zukunft und die des anderen gleich mit. Man kann sich ja eine neue besorgen, oder etwa nicht? Unpraktisch nur, wenn es gerade der günstige Augenblick im Monat war und eine Schwangerschaft folgt. Da lässt sich der Fehltritt dann nicht mehr so gut verheimlichen.

Es folgt, worauf der Klappentext wohl anspielt, wenn er von „einer dramatischen Liebe in dunkler Zeit“ spricht: Saphira beichtet ihrem Vater was geschehen ist, ihr Vater verstößt sie, Christian nimmt sich die nächste Gespielin obwohl er eigentlich vielleicht Saphira liebt, Saphira arbeitet als Magd und bandelt wieder mit Tam an, verschweigt ihm aber geflissentlich alles. Bis sie merkt, dass sie schwanger ist, Christian sie nicht heiraten will und sie Tam doch alles gesteht. Woraufhin dieser durchdreht und Christian umbringen will…

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber so etwas frustriert mich eher, als das es mich bewegt und von wahrer Freundschaft zeugt das auch nicht. Bis auf die Henkersfamilie, die Saphira als Magd aufnimmt und leider nur als Beiwerk dient, sind alle Charaktere in diesem Buch weit entfernt davon „gut“ oder auch nur ansatzweise sympathisch zu sein.

Sie treffen falsche, kurzsichtige Entscheidungen und jammern dann herum, wenn sie sich negativ auf ihr Leben auswirken. Aber statt daraus zu lernen, stürzen sie sich auf die nächste Gelegenheit, das zu wiederholen oder ihre Situation auf andere Art und Weise noch schlimmer zu machen.

Warum tat er ihr das an? Er liebte sie, wenn sie hilflos war. Das war der Grund.

Es mag Leute geben, die das anders sehen, aber ich finde das grässlich. Besonders, weil Saphira am Ende dann noch einmal das Bedürfnis verspürt, einen auf Kriemhild zu machen und alles in Gefahr bringt, was Tam für sie erreicht hat. Ohne ihn wäre sie immerhin im Fluss ertrunken, in diesem Haus auf der Flussinsel verbrannt wie all die anderen armen Menschen oder mit ihrem Kind im Winter verhungert. Aber sie muss unbedingt zum Kaiser gehen und ihren Vater rächen, auch wenn das bedeutet, dass ihr Sohn vielleicht ohne sie aufwachsen muss. Sie muss unbedingt in die Stadt spazieren und auf der Nase des Bürgermeisters herumtanzen bevor es sicher ist und damit ihre Familie in Gefahr bringen.

Mehr noch als alle anderen Charaktere zusammen ist sie naiv, dumm, leichtsinnig und untreu — vor allem sich selbst aber auch den Menschen, die sie angeblich liebt, am Anfang der Geschichte genauso wie am Ende. Und dann wird sie dafür belohnt und darf ihren Traum leben und von allen bewundert werden. Weil das Buch uns sagen möchte, dass die Welt eben ungerecht ist, nehme ich an.

Fazit:

„Die Todgweihte“ hat mich in vielerlei Hinsicht enttäuscht und auch seine Klappentextversprechen  nicht gehalten. Von „großer Liebe“ und „wahrer Freundschaft“ habe ich nichts gesehen und die „verheerenden Schicksalsschläge“ haben sich die Figuren zum Großteil selbst organisiert.

1.5 Sterne — einen, weil man auf Goodreads nicht 0 geben kann und einen halben, weil die Henkersfamilie so freundlich und loyal und die Geschichte der Stadt wirklich interessant waren. Leider hätte ich sie gerne ohne die Hauptcharaktere und das erzwungene, „dramatische“ Liebesdreieck gelesen.

Ein Kommentar zu „Rezension: Die Todgeweihte

  1. Ach herje! Ich musste trotz (oder wegen) aller Kritik gerade etwas grinsen, denn ich kann Dich so gut verstehen. Schade, wenn ein Buch durch solch unglaubwürdigen Szenen geprägt wird. Ich frag mich dann immer, ob es die Autoren selber glaubhaft finden oder ob ihnen nix eingefallen ist. Dabei können derart geschichtlich aufbereitete Stories echt interessant sein, hab ich früher gern und viel gelesen …1,5 Sterne ist hart … aber wo nix ist, kann man auch nix geben 😉

    Dir noch einen schönen Abend & einen guten Start morgen in die Woche
    Kati

    Gefällt 1 Person

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