Buch · Rezension

„The Diabolic“ und die Frage nach der Menschlichkeit

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S. J. Kincaid: The Diabolic. Simon & Schuster. ISBN: 978-1-4711-4715-9. 408 Seiten

Rezension:

Habt ihr euch schon mal gefragt, was genau uns eigentlich zu ›Menschen‹ macht? Sind es die Form unseres Körpers und ein bestimmtes Set genetischer Mutationen? Oder gehört da mehr dazu, zum Beispiel unsere Persönlichkeit oder unsere Fähigkeit, Empathie und Liebe zu empfinden?

Mit dieser Frage beschäftigt sich auch  S. J. Kincaid in ihrem Buch „The Diabolic“. Es erzählt die Geschichte von Nemesis, die einzig dazu gezüchtet wurde, um ihre zukünftige Schutzperson – wenn nötig mit ihrem Leben – zu beschützen. Dafür wurde sie von Geburt an auf Effizienz getrimmt: Gezielte Genmanipulationen haben sie übermenschlich schnell und stark gemacht, brutales Training hat ihr beigebracht, ohne Skrupel zu töten und die einzige Emotion, die sie kennt, ist die künstlich induzierte Liebe für ihre Schutzperson. Sie mag aussehen wie ein Mädchen, aber sie ist ein Diabolic, was man mit teuflisch oder auch böse übersetzen kann, ein Sklave und in den Augen ihrer dystopischen Gesellschaft definitiv nicht menschlich.

Mich hat dieses Szenario von Anfang an unglaublich fasziniert und ich habe viele der Konflikte darin wiedererkannt, die unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten geprägt haben und die in vielen Fällen bis heute nachwirken. Nemesis lebt in einer Art Mehrklassengesellschaft, die bestimmten Individuen einen größeren Wert sowie mehr Entscheidungsmacht zuspricht als anderen und viele der Ungerechtigkeiten haben mich wahnsinnig wütend gemacht. Nemesis Einzelschicksal ist hier nur ein Beispiel von vielen. Dank ihrer „Erziehung“ ist sie anfangs jedoch völlig im Reinen mit ihrer Rolle und nur Sidonia, ihre Schutzperson, wünscht sich ein viel besseres Leben für sie. Sidonia leidet unter der Ungerechtigkeit der Situation und möchte sie für Nemesis, aber auch für sich selbst, ändern. Es gefiel mir, dass sie zeigt und erkennt, dass die Unterdrückung nicht nur für die Unterdrückten schrecklich ist, sondern auf lange Sicht auch den besser gestellten Personen schadet. Da jedoch selbst Nemesis kein Problem damit hat, sich selbst nur als austauschbares Werkzeug zu sehen, scheint Sidonias Kampf aussichtslos zu sein, bis sie Nemesis mit einer List dazu bringt, ihre Überzeugungen zu überdenken.

Silence. I sensed something strange had shifted between us, perhaps forever. The illusions were gone, our truths bared, and I felt like I saw her and she saw me and perhaps in some ways we were equals for the first time. My strength had always exceeded hers and her importance had always exceeded mine, and yet here we were, evenly matched at long last. My life now held the same value as hers — because her life depended upon mine.

(Seite 67)

Ab diesem Augenblick beginnt Nemesis, die bestehende Ordnung zu hinterfragen.  Sie wird ins Wespennest des Imperiums geschickt und muss sich dort behaupten. Doch während sie sich darum bemüht, menschlicher zu werden und ihre innere wie physische Stärke zu verstecken, um in der Menge unterzugehen, muss sie feststellen, dass viele der Menschen geradezu unmenschliche Taten begehen.

I wasn’t sure at first whether a monster bred for murder in an arena could be tamed.

(Seite 146)

Nemesis‘ innere Zerrissenheit und schrittweise Entwicklung hat mich sehr beschäftigt und es mir schwer gemacht, das Buch aus der Hand zu legen und mit dem Lesen aufzuhören. Kincaid erzählt die Geschichte zudem in einem rasanten Tempo und lässt fast jedes Kapitel auf einem Cliffhanger enden. Dadurch fliegt die schillernde, dystopische Welt geradezu an einem vorbei, aber ich habe es genossen, sie mit Nemesis zusammen zu entdecken. Dennoch hätte ich mir an manchen Stellen eine Pause zum Durchatmen und Mitfühlen gewünscht. Denn obwohl die Geschichte wirklich spannend ist, hat sie mich emotional leider nicht ganz abholen können. Sie blieb mir an einigen Punkten, besonders was die Beziehungen zwischen manchen der Figuren anging, zu oberflächlich. So hätte ich zum Beispiel gerne auf einige der politischen Intrigen verzichtet und stattdessen lieber mehr Zeit für Nemesis innere Entwicklung und ihre Sicht auf die Gesellschaft gehabt. Mein Interesse hat Kincaid jedoch geweckt und ich denke, dass in Nemesis‘ Entwicklung und ihrer Welt viel Potenzial steckt.

Fazit:

„The Diabolic“ ist eine rasant erzählte Weltraumdystopie mit einer starken Protagonistin, die unser Verständnis von Menschlichkeit herausfordert. Mir hat es – bis auf ein paar Kleinigkeiten – sehr gut gefallen und ich freue mich schon darauf, den zweiten Band  („The Empress“) zu lesen.

empf_4_sterne

Ein Kommentar zu „„The Diabolic“ und die Frage nach der Menschlichkeit

  1. Hallo liebe Saskia!
    Das Buch les ich auch bald – genauer gesagt diesen Monat noch, wenn es zeitlich passt 🙂
    Ich bin schon wahnsinnig gespannt!
    Eine wirklich tolle Rezension von dir 💕
    Liebe Grüße
    Emily

    Gefällt 1 Person

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