Buch · Rezension

„Bull“ oder wie Asterion zum Minotaurus wurde

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David Elliot: Bull. Houghton Mifflin Harcourt. ISBN: 978-0-5446-1060-6. 190 Seiten

Rezension:

Kennt ihr die Legende vom Minotaurus, dem stierköpfigen Prinzen, der von allen gefürchtet und schließlich in ein riesiges unterirdisches Labyrinth gesperrt wurde? Ich muss zugeben, dass ich das Original (bzw. eine deutsche Übersetzung desselben) nie gelesen habe und so wusste ich über den Minotaurus und seine Geschichte dementsprechend wenig, als ich Bull von David Elliott anfing. Man kann es wohl als Versdrama bezeichnen und ähnlich wie man es von Dramen gewohnt ist, beginnt das Buch mit einer Übersicht der Charaktere sowie einem kurzen Prolog bevor Poseidon, der uns die Geschichte erzählt, zum ersten Mal zu Wort kommt:

POSEIDON

Whaddup, bitches?

Am I right or am I right?
That bum Minos deserved what he got.
I mean, I may be a god, but I’m not
Unreasonable, and when I am, so
What?

(Seite 3)

Ihr merkt vielleicht schon: auf Bull muss man sich einlassen und falls ihr von manchen der Charaktere bereits ein bestimmtes Bild habt, müsst ihr dieses vielleicht noch einmal überdenken. Ich kann euch aber versprechen, dass es sich lohnt!

Ähnlich wie ihr es hier bei Poseidon seht, sprüht jeder Vers und jede Strophe nur so vor Charakter und ich war beeindruckt davon, wie viel Gefühl und Persönlichkeit Elliott seinen Figuren mit so wenigen Worten einhaucht. Dabei gibt er jeder Figur neben einer eigenen Stimme auch eigene Ziele und Schwächen, macht jeden Charakter – ob Gott, König oder Untertan – glaubhaft menschlich und facettenreich. Sie sind natürlich nicht alle Sympathieträger, aber indem sie mit den Auswirkungen ihrer Handlungen hadern, bringen sie auch uns Leser dazu, uns mit unseren eigenen Moralvorstellungen auseinanderzusetzen.

PASIPHAE

You want me to feel
ashamed point
fingers blame
the god responsible
for that beastly possession

but you’ll get no
apology
from me no tears
no confession.

I know what I
know I know what
I see none of you
is that different

from me.

(Seite 18)

Dadurch, dass Elliott die Geschichte komplett in Versen erzählt, gibt es so gut wie keine Beschreibungen des Schauplatzes und doch habe ich vor meinem inneren Auge alles deutlich sehen können: die sonnenverbrannte Küste, den einsamen Sternenhimmel über dem Schuppen, das düstere Labyrinth … Vielleicht ist das wie bei Shakespeares Dramen, bei denen man sich die Bühne, Kulissen und Handlungsorte ja auch ohne große Beschreibungen zu brauchen, vorstellen kann.

Trotzdem gibt es einen deutlichen Unterschied zu den klassischen Dramentexten, denn Elliott nutzt die Buchseiten selbst, um seine Geschichte noch wirkungsvoller zu erzählen. Man könnte sagen, dass er verschwenderisch mit ihnen umgeht. Aber der Effekt, den ein einzelnes Wort, das absichtlich vom Rest der Strophe getrennt und auf einer eigenen Seite platziert wird,  oder eine Strophe, deren einzelne Wörter weit und unregelmäßig auf der Seite verteilt werden (wie ihr es im Beitragsbild oben sehen könnt), hervorruft, ist wirklich unbestreitbar intensiv. Neben der Platzierung der Wörter setzt Elliott auch die Farbe der Seiten sehr geschickt für die Zwecke seiner Geschichte und besonders Asterions Entwicklung ein. Die Seiten mit seinen Versen werden im Einklang mit seiner Abwärtsspirale nämlich immer dunkler.

ASTERION

I prowl

the senseless alleys

of the maze

in darkness and asphyxiating

solitude.

(Seite 134)

Bestimmt wäre die Geschichte auch ohne diese Details ausgekommen, aber mir haben sie sehr gut gefallen und es mir zusammen mit der spannenden, bewegenden Geschichte unmöglich gemacht, das Buch beiseite zu legen. Dabei wollte ich vor dem Schlafengehen eigentlich nur kurz reinlesen und es nicht in einem Rutsch verschlingen. Nun, manchmal kommt es eben anders, aber es hat auch etwas Gutes: In einem kurzen Nachwort erklärt Elliott nämlich, welches Versmaß den jeweiligen Figuren zu Grunde liegt. Wenn ich das Buch das nächste Mal lese – und das wird definitiv passieren – kann ich die Verse dann gut informiert genießen.

„It takes a god to make a boy into a beast, but it is we humans who turn him into a monster. I loved this book.“

(Allan Wolfs Mini-Review auf der Buchrückseite)

Fazit:

„Bull“ ist ein trügerisch kurzes, aber kraftvolles Buch, das die tragische Legende des Minotaurus auf eine sehr humorvolle, rasante Art erzählt und mit vielschichtigen Charakteren überzeugt. Wenn ihr euch auf „Bull“ einlasst, ist es ein tolles Erlebnis, das ich euch absolut empfehlen kann.

empf_4_sterne

Gibt es eine Legende, die euch besonders gut gefällt und was haltet ihr von Neu- bzw. Nacherzählungen? Und wenn ihr Empfehlungen für tolle Versromane habt, immer her damit! 

3 Kommentare zu „„Bull“ oder wie Asterion zum Minotaurus wurde

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